Einmal selber Junge haben?

Etwas über Verantwortung

Obwohl die Nagerfarm  keine Weibchen und keine Deckböcke zur weiteren Vermehrung abgibt, möchte ich hier dennoch über einige wichtige Dinge bezüglich „einmal selber Junge haben“ informieren. Es ist wichtig, dass, wer sich zu eigenen Jungtieren entschlossen hat, diese Fakten kennt und beachtet. Sich selbst und vor allem auch den Tieren zuliebe.

Wer Tiere hält, egal welcher Art, übernimmt damit zwangsläufig eine enorme Verantwortung. Sehr viele Tierhalter sind sich dieser Verantwortung leider nicht oder nur ungenügend bewusst. Der Entschluss, Tiere bei sich aufzunehmen, hier in unserem Fall Meerschweinchen, muss gut überlegt werden. Vor der Anschaffung der Tiere gilt es, sich so gut wie nur irgend möglich über die artgerechte Haltung, das Verhalten und die Bedürfnisse von Meerschweinchen zu informieren. Dazu gehört nicht nur, in Erfahrung zu bringen, wie eine gesunde, vernünftige Fütterung und  die artgerechte Haltung aussehen soll, sondern zum Beispiel auch, welche Krankheiten ein Meerschweinchen bekommen kann, und was beachtet werden muss, wenn man unbedingt selber einmal Junge haben möchte. Das ist nämlich nicht so einfach wie allgemein angenommen wird. Einfach zwei Meerschweinchen zusammensetzen und die Natur machen lassen, reicht nicht. Jedenfalls nicht, wenn man als Tierhalter seine Verantwortung gegenüber den Tieren vollumfänglich wahrnehmen will, so wie es eigentlich sein sollte! Da diesem Thema in all den zahlreichen Meerschweinchenbüchern kaum oder gar keine Beachtung geschenkt wird, möchte ich hier nun ein paar wesentliche Infos zu dieser heiklen Sache anbringen, denn die meisten Leute werden darüber nicht informiert und vergessen in ihrer Begeisterung und Vorfreude über das „Projekt junge Meerschweinchen“ auch meist, sich selbst um Information zu bemühen.

Weibliche Meerschweinchen werden mit ca. 3-4 Wochen geschlechtsreif, männliche mit ca. 5-6 Wochen. Einzeln geborene Böckli sogar noch wesentlich früher. Ein Weibchen sollte aber nicht vor 4-6 Monaten zum ersten Mal gedeckt werden, da es sich während dieser Zeit selber noch im Wachstum befindet und seine Energien und Kräfte für sich selber braucht, um gesund und robust heranzuwachsen. Die Tatsache, dass es so früh geschlechtsreif wird, heisst noch lange nicht, dass es dann auch schon gedeckt werden soll. Es ist nicht akzeptabel sich hinter der Aussage, „die Natur hat es doch schliesslich so eingerichtet, dann wird’s wohl schon recht sein“ zu verstecken. Ja, die Natur hat es so eingerichtet. In der freien Natur ist das Meerschweinchen ja auch ein Beutetier, das die Fähigkeit haben muss, sich zur Erhaltung der eigenen Rasse möglichst schnell fortpflanzen zu können.

Für domestizierte Tiere, von denen wir behaupten, sie zu lieben und an denen wir doch möglichst lange Freude haben möchten, sind so frühe Trächtigkeiten weder nötig noch sinnvoll und für die betroffenen Tiere eine starke, körperliche Belastung.

Die möglichen Folgen von solchen „frühkindlichen Schwangerschaften“ können sein: Früh – oder Fehlgeburten, Totgeburten oder eine buchstäblich zerrissene Mutter, weil sie ihre Jungen durch einen noch viel zu kleinen Geburtskanal quetschen musste. Falls das Meerschweinchen Glück hat und nichts von alledem eintrifft, so ist doch wenigstens ziemlich häufig eine Wachstumsstörung und eine sehr empfindliche Gesundheit der Mutter die Folge solcher Unvernünftigkeiten. Ausserdem trauern Meerschweinchenmütter oft sehr stark um ihre Jungen. Es gehört absolut mit zu Ihrer Verantwortung, solche Szenarien zu vermeiden.

Zu alt darf ein Meerschweinchen bei seinem ersten Wurf aber auch nicht sein. Ab dem 10ten Lebensmonat beginnt das Becken des Weibchens zu verknöchern und ist dann nicht mehr dehnbar genug, um Junge gefahrlos und unverletzt passieren zu lassen. Die Folgen davon sind unendlich lange Wehen, die die Mutter völlig entkräften, sie stirbt an Erschöpfung und mit ihr die Jungen. Oder aber, ein Junges wird im engen Geburtskanal eingeklemmt, nichts geht mehr, das Junge bekommt keinen Sauerstoff mehr und erstickt jämmerlich. Möglicherweise ist die Mutter zu diesem Zeitpunkt noch nicht so entkräftet dass sie deswegen stirbt, aber das stecken gebliebene Junge verwest ziemlich schnell und vergiftet sie und die anderen Jungen. Dasselbe gilt auch für Weibchen, die länger als ca. 8 Monate keinen Wurf mehr hatten. Das Becken beginnt wegen „Nichtgebrauchs“ zu verknöchern, und die Gefahr für Mutter und Babys steigt rapide an. Da die Meerschweinchen Ihnen anvertraut und Ihnen somit ausgeliefert sind, liegt es in Ihrer Verantwortung, lieber auf eigene Junge zu verzichten, um Ihrem Meerschweinchen unnötige, grosse Schmerzen und/oder einen frühen Tod zu ersparen.

Ist das Weibchen nun im richtigen Alter trächtig geworden und bekommt sichtlich einen Bauch, so ist der Bock unverzüglich zu kastrieren. Unmittelbar nach der Geburt ist das Weibchen nämlich wieder brünstig und kann wieder gedeckt werden, so dass das arme Tier nach ca. 68 Tagen Schwangerschaft und mit anschliessend wochenlang säugenden Jungen, gleich wieder die Strapazen einer Trächtigkeit durchmachen muss. Eine absolut unnötige und vermeidbare Belastung für diesen kleinen Körper. Ausserdem kann der Vater, wenn er kastriert ist, ohne weiteres bei seiner Familie bleiben und sich ebenfalls um seine Kinder kümmern. Die jungen Schweinchen profitieren von diesem Familienverband und werden so auch besser sozialisiert. Die Kastration muss aber so früh als möglich erfolgen, da der Bock noch mehrere Wochen nach der Kastration zeugungsfähig sein kann. Auch hier – es liegt in Ihrer Verantwortung!

Wenn nun alles gut gegangen ist und die Kleinen da sind, stellt sich naturgemäss folgende Frage: Welches sind Männchen, welches Weibchen? Die meisten Leute, die einfach nur mal einen Wurf haben wollen, haben meist nicht die geringste Ahnung wie man das Geschlecht der Babys unterscheidet. Manche Tierärzte haben ebenfalls Mühe mit der Geschlechtsbestimmung von Kleintieren. Wenden Sie sich am Besten so früh als möglich an eine/n Züchter/in, und zeigen Sie dort die Jungen zur Geschlechtsbestimmung. Das Geschlecht der jungen Meeris kann übrigens unmittelbar nach der Geburt festgestellt werden. Lassen Sie den Jungtieren aber wenigstens Zeit, trocken zu werden, bevor Sie sie anfassen oder sogar hochnehmen und ebenso ein paar Tage Zeit, bevor Sie sie, zusammen mit der Mutter, zu einer Fachperson zur Geschlechtsbestimmung bringen.

Anschliessend liegt es in Ihrer Verantwortung, dass es unter den Geschwistern nicht zu frühkindlichen Trächtigkeiten und Inzucht kommt. Lassen Sie die jungen Böckli auf jeden Fall mit spätestens 250 gr. Gewicht frühkastrieren. So muss die Familie nicht getrennt werden. Wenn Ihr Tierarzt solche Frühkastrationen nicht macht, Sie auf später vertrösten will oder gar behauptet, Meerschweinchen solle man erst mit 6 Monaten kastrieren, so suchen Sie sich, zumindest für diesen speziellen Fall, einen anderen Tierarzt.

Wenn Sie nicht alle Jungen selber behalten wollen oder können, geben Sie die Kleinen nicht einfach dem Erstbesten der sie haben will, aus lauter Angst, sie sonst nicht loszuwerden. Und auch nicht einfach aus dem Grund, sich die Kastrationskosten sparen zu können! Geben Sie keines Ihrer jungen Meerschweinchen  in Einzelhaltung, kein unkastriertes Böckli zusammen mit einer seiner Schwestern und kein kleines Mädel zu anderen, unkastrierten Böcken ab. Sie wissen nun, was dann passiert. Und informieren Sie bitte auch die neuen Besitzer Ihrer Jungen darüber.

SIE haben sich entschlossen, Leben entstehen zu lassen.

SIE sind für jedes einzelne dieser Leben voll verantwortlich.

Wer sich das Geld für Kastrationen sparen will, handelt egoistisch. Es mag ja schön und gut sein, wenn man es denn gar nicht lassen kann, Junge in die Welt zu setzen und seinen Spass an diesem Erlebnis zu haben. Eine andere Sache ist es dann aber, für den Spass und die Freude die man sich selbst damit macht, auch etwas zu investieren und somit den jungen Böckli ein besseres Sprungbrett in ein friedlicheres und stressfreieres Leben zu bieten. Einfach alle jungen Böckli irgendjemandem zu verschenken, womöglich noch unkastriert, heisst, sich aus der VERANTWORTUNG zu stehlen. Sich einzureden, dass die Tiere es dann schon recht haben werden, ohne es nachzuprüfen oder durch frühzeitige Kastration unnötigen Bockkämpfen oder Vermehrungen vorzugreifen, ist schlicht und einfach Vogel-Strausspolitik.

Es sind IHRE Tiere, es ist IHRE Verantwortung. Aus den Augen aus dem Sinn – das darf einfach nicht sein!

Denken Sie immer daran, Meerschweinchen sind lebende, denkende, fühlende Wesen. Kleine Tiere mit einer grossen Seele. Ich habe das Glück, es jeden Tag aufs Neue erleben zu dürfen. Danke dafür!