Bockproblematik

Unkastrierte Böcke – die Folgen

Das Leben eines unkastrierten  Meerschweinchenböcklis gleicht oft einer Odyssee. Am Anfang klein und herzig, wird es zusammen mit einem oder mehreren seiner Brüder verschenkt oder günstig verkauft. Am neuen Ort leben die Jungs dann zusammen und haben erst mal lustig und friedlich miteinander. Wenn sie Glück haben bekommen sie pro Tier 1 m2 Platz, normalerweise ist das aber eher nicht der Fall. Meistens landen sie in einem Käfig oder einem Kaninchenstall. So ab dem dritten Monat beginnt die erste Rappelphase, das heisst, die Jungs werden sich bewusst dass sie „Männer“ sind und dass einer der Chef sein muss. Im absolut idealsten Fall sind die Tiere charakterlich so unterschiedlich, dass es keine grosse Diskussion gibt. Der Dominanteste erklärt den Tarif, muss sich höchstens mit dem Vize kurz auseinandersetzen und wenn dieser nicht all zu sehr auf dem Chefposten besteht, ist bald wieder Ruhe. Nummer drei und vier sind friedliche Mitläufer, die froh sind, wenn sie in Ruhe gelassen werden.

Nur, dieser Idealfall ist etwa so häufig wie ein Lottosechser – einer hat ihn, aber alle anderen nicht. Die Realität sieht meistens anders aus:

Die Tiere verstehen sich scheinbar von einem Tag auf den anderen nicht mehr. Wütendes Zähneklappern und drohendes Imponiergehabe herrschen plötzlich unter den Tieren. Blitzschnelle Angriffe und böse Beissereien finden statt. Sind zwei Böcke gleich dominant, will vorerst keiner klein beigeben und die Tiere verkeilen sich kämpfend und beissend ineinander wie zwei raufende Hunde. Meistens tun die Besitzer in diesem Moment genau das Falsche – sie trennen die Tiere unverzüglich. Damit nehmen sie den Jungs jede Chance, dies jetzt gleich unter sich auszumachen. Werden die Tiere später wieder zusammengesetzt, müssen sie wieder von vorne anfangen. Die Besitzer trennen sie wieder und der Teufelskreis beginnt. Nur wenn die Verletzungen gravierend sind und wirklich Blut fliesst, sollten die Tiere getrennt werden. Die Trennung sollte dann aber endgültig sein, denn die Chance auf eine friedliche Zukunft besteht dann nicht mehr.

Hat man nur zwei Böcke die sich nicht mehr verstehen, entscheiden sich die Besitzer schlussendlich, eines der Schweinchen abzugeben und dem anderen einen neuen Partner zu besorgen. Und damit fangen die Probleme erst richtig an. Zuerst muss man den einen unkastrierten Meeribock loswerden. Doch wo bringt man einen potenten Burschen am besten unter? Einfach so zu Weibchen oder in eine gemischte Gruppe kann man ihn nicht geben. Der Potento würde sämtliche Weibchen decken und den anwesenden Kastraten den Krieg erklären. Zu anderen Böcken kann man ihn auch nicht nicht einfach so platzieren, sonst geht das Gefetze dort ebenfalls gleich weiter. Vermutlich wird ihn dann doch irgend jemand nehmen, der Weibchen hat und der selber Junge machen will. Eventuell wird der Bock auch dort nach vollbrachter Tat ebenfalls nicht kastriert und wird, gesetz – und tierschutzwidrig, einzeln in einem kleinen Käfig aufbewahrt. Wenn er Glück hat, darf er dann, nach einiger Zeit Einzelhaft ,vorübergehend für ein paar Wochen seine Söhne hüten, bis sie verschenkt oder verkauft werden. Oder aber, man lässt seine Söhne bei ihm, diese werden erwachsen und das ganze Bockkampfszenario beginnt von vorne. Wiederum werden dann die kämpfenden Böcke in der Gegend herumgeschenkt, Hauptsache man ist sie los. Jemand anders darf sich dann um das Problem, die Verletzungen und um evtl. Tierarztkosten kümmern. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Doch was ist nun mit dem Schweinchen, dass an seinem ersten Platz bleiben durfte? Noch immer ist er unkastriert, denn mit dem Geld, dass man für die Kastration ausgeben müsste, macht man sich lieber selbst einen schönen Abend. Also, wen setzt man dazu? Ein Weibchen nicht, sonst gibt’s ja gleich Junge. Es sei denn, man kommt auf die „glorreiche“ Idee, man müsste jetzt unbedingt selber Junge produzieren. Einen anderen, erwachsenen Bock ganz sicher auch nicht, das gibt gleich wieder Krieg. Bleiben eigentlich nur  ein oder mehrere ganz junge Böckli. Doch wenn auch diese wieder nicht kastriert sind, fängt über kurz oder lang dasselbe Drama wieder an. Irgendwann ist den Besitzern das Ganze verleidet, die Kinder haben kein Interesse mehr und überhaupt, die Viecher müssen jetzt weg.

Wenn die Tiere nicht das Glück haben, dass man sie in eine kompetente Notstation oder in ein offizielles Tierheim bringt, wo sie kastriert und richtig vergesellschaftet werden, so geht der ganze Kreislauf von Böcke weitergeben und Rangordnungskämpfen endlos weiter. Die Tiere werden zu Wanderpokalen, die nirgendwo zur Ruhe kommen können. Durch den ständigen Stress, sei es durch die Kämpfe oder das ewige umziehen müssen, sinkt das Immunsystem  der Böcke und die Tiere werden krank. Klassische Anzeichen für Bockgruppenstress sind eine erhöhte Anfälligkeit für Pilz und Milben. Ausserdem kommen auch noch die „normalen“ Verletzungen durch die Beissereien hinzu.

Selbst wenn sich unkastrierte Böcke ein Leben lang verstehen sollten – es kommt hin und wieder vor-  einer stirbt immer zuerst. Wäre der verwitwete Bock nun bereits kastriert, wäre es nicht das geringste Problem, ihm dann zur Gesellschaft ein Weibchen zu geben. Oder man könnte ihn dann, nachdem er jahrelang am selben Ort leben durfte, für seinen Lebensabend in ein kleines Rudel geben oder ihn jemanden schenken, der ebenfalls nur noch ein altes Tier hat.  Mit einem unkastrierten Bock ist das alles sehr problematisch, beziehungsweise unmöglich.

Es wäre so einfach, dies alles durch eine zeitige Frühkastration zu vermeiden.  Ja, auch Frühkastraten müssen ihre Rangordnung klären und auch dabei kann es zu Streitereien und mal zu einem Biss ins Hinterteil oder in die Lippen kommen. Es ist aber meist schneller erledigt und geht wesentlich weniger heftig zu und her, als bei potenten Böcken, die „voll im Saft“ sind und von denen jeder sich für einen kleinen Napoleon hält.  Ja, auch unter den Frühkastraten gibt es dominante Kerle, die sich nicht mit anderen Kastraten vertragen wollen. Aber ein solch dominanter Kastrat kann dann schnell und unkompliziert und ohne eine wochenlange Kastrationsfrist absitzen zu müssen, mit Weibchen vergesellschaftet werden.

Viel Tierleid und viele Tierarztkosten könnten vermieden werden, würde man es doch nur von Anfang an richtig machen.

Little Big Man, kurz nach seiner Ankunft bei mir. Er musste sich mit 9 anderen, potenten Böcken Tag und Nacht auseinandersetzen. Die Folgen sieht man deutlich: Der ganze Körper war übersät von Pilz, er hatte massiven Milbenbefall, ein Auge wurde ihm ausgebissen, die Hoden waren zerbissen und er hatte am ganzen Körper Bissspuren. Er wurde vor Juckreiz fast wahnsinnig und bekam einen epileptischen Anfall nach dem anderen.
Nach seiner Genesung und der Kastration hätte er einen wunderbaren Lebensplatz in einer gemischten Gruppe haben können. Aber trotz des riesigen Geheges klappte es leider nicht. Little Big Man war von seinen Erlebnissen derart traumatisiert, dass das Zusammenleben mit anderen Kastraten trotz des enormen Platzangebotes unmöglich war. Er kam zur Nagerfarm zurück und lebte hier in einem separaten Gehege mit 4 eigenen Frauen glücklich und zufrieden. Er blieb aber immer etwas krankheitsanfällig und man musste immer ein besonderes Auge auf den kleinen Kerl halten. Er starb kurz vor unserem Umzug 2010 im Alter von knapp 5 Jahren.
Einer der „Mitstreiter“ von Little Big Man. Massiver Milbenbefall und ein völlig zerbissener Rücken.