Haltung

Wie hält man Meerschweinchen heute?

Käfig und Meerschweinchen schliessen sich gegenseitig aus.

 

Bitte nicht so!

Im vergangenen Jahr­hundert war es üblich, dass Meerschweinchen in einem platzsparenden Käfig aufbewahrt wur­den, denn man wusste es nicht besser.

Aufgrund wissenschaft­licher Studien und Beo­bachtungen hat man jedoch heute erkannt, dass Meerschweinchen hochsoziale Sippentiere sind, die ihr interessantes Sozialverhalten nur entfalten können, wenn sie als Rudel in einer grosszügigen Umgebung leben dürfen. Damit ist die früher übliche Zweierhaltung im kleinen Käfig überholt, ja, man muss sie bereits als Tierquälerei bezeichnen, weil Meerschweinchen sehr viel Bewegung brauchen für ihr viel­fältiges Sozialleben. Das ist in einem engen Käfig unmöglich. Dieses Sozialleben besteht aus Herumrennen, Geplapper und manchmal auch Streitigkeiten, weil die Sozialstruktur der Schweinchen klar geregelt ist durch eine Rangordnung, welche auch immer mal wieder in Frage gestellt wird. Die Folgen der  Aufbewahrung im kleinen Käfig zu zweit können Langeweile bis hin zur Le­thargie sein, weil nur ein einziger Sozialpartner existiert, oder dauernde Streitigkeiten und kleine „Sticheleien“, die zu Stress beim unterlegenen Tier führen, was wiederum Parasiten- oder Pilzbefall auslösen kann. Durch mangelnde Bewegung können Verfettung, überdehnte Sehnen an den Füssen oder Verdauungsschwierigkeiten auftreten. Ist nur ein Partnertier vor­handen, führt dies häufig zu ungenügend ausgebildeter  Sozialkompetenz oder gar Verhal­tensstörungen. Wenn ein Schweinchen aus Zweierhaltung stirbt, muss für das überlebende Tier notfallmässig ein neuer Partner besorgt werden, da Meerschweinchen niemals alleine gehalten werden dür­fen!

Käfige sind teuer, nicht schön anzuschauen und trotz ihres hohen Anschaffungspreises aufgrund ihrer geringen Grösse für die artgerechte Haltung von Meerschweinchen un­geeignet.

Was für Alternativen gibt es?

Eine mögliche Alternative zur öden Käfighaltung ist der Bau eines einfachen Bodengeheges:

Dazu werden Bretter, Sperrholz oder Plexiglas hochgestellt (30 cm genügen bereits, da Meer­schweinchen schlechte Klette­rer sind). Diese Bretter können ganz einfach mit einem Textil-Klebeband fixiert werden und lassen sich ebenso schnell auch wieder zusammenpacken, wenn man das Gehege nicht mehr braucht. Auf den Boden kommt ein PVC-Belag, Teichfolie oder, wenn es schnell gehen muss, auch nur ein stabiles Wachstischtuch. Die empfohlene Grösse beträgt 2 m2 als Minimum für eine Kleingruppe von 3 – 4 Tieren. Grösser ist natürlich immer besser. Mit flexiblen Trennwänden kann man allenfalls die Gruppen unterteilen. Solch ein Gehege kostet nur den Bruchteil eines Käfigs und ist mit dem nötigen Material innerhalb einer Stunde aufgestellt.

Hier ein Beispiel als weiterführende, etwas auf­wendigere Version eines Bodengeheges (auf Rollen).

Wer handwerkliches Geschick besitzt, kann so etwas selber bauen, andernfalls holt man sich die Hilfe eines Schreiners.

Falls kleine Kinder und/oder Hunde und Katzen im Haushalt leben, empfiehlt es sich, das Gehege etwas höher zu stellen und notfalls sogar mit einem Deckel zu schützen. Dafür eignen sich Tischbeine aus dem Baumarkt, Unterge­stelle wie hier gezeigt oder zwei Tische. Der Vorteil solcher Gestelle ist, dass man dadurch Stauraum für Futter und Utensilien wie Fut­ternäpfe, Häuschen etc. ge­winnt. Besonders durchdacht bei diesem Beispiel sind die herunterklappbaren Vorderwände, was das Misten und Schweinchenfangen sehr erleichtert.

Wer über viel Platz verfügt, kann sich auch ein ganzes Zimmer oder einen Hobbyraum als Meerschwein­chen-Gehege einrichten. Auch dabei sollte man immer daran denken, dass man sich Optionen offen hält, um die Gehege, falls nötig, abzu­trennen bzw. die  Schweinchen in verschiedene Gruppen aufzuteilen.

Wer nicht mindestens 2 Quadrat­meter in der Wohnung für ein Ge­hege erübrigen kann oder für Al­lergiker bietet sich auch ein Aus­sengehege als Lösung an, was je­doch relativ aufwendig ist, sowohl beim Bau als auch später im Un­terhalt und bei der Betreuung.

Ein Aussengehege muss sehr sorg­fältig geplant werden, damit die Schweinchen gesund bleiben und das Gehege gegen Raubtiere gesi­chert ist (Ratten, Marder, Füchse, Raubvögel oder Hunde und Katzen!!). Ein Aussengehege muss von allen Seiten her gut abgesichert sein, auf den Seiten und oben durch ein Casanet-Gitter  (keinen Maschendraht verwenden!), unten ebenfalls durch ein Ca­sanet-Gitter (in der Erde) oder Steinplatten. Ein stabiles, gut isoliertes Schutzhaus gehört natürlich ebenfalls dazu, damit die Schweinchen Schutz vor Wind und Wetter finden und auch im Winter genügend Wärme produzieren kön­nen.

In Aussenhaltung ist die Regel, nicht nur zwei Schweinchen zu halten, überlebenswichtig! Zwei Schweinchen alleine bewegen sich zu wenig und können auch zu wenig Eigenwärme produzieren, um das Schutzhaus genügend aufzuwärmen. Meerschweinchen sind sehr kleine Tiere, haben somit nur eine kleine Körperoberfläche, was bedeutet, dass man Meerschweinchen in ganzjähriger Aussenhaltung mindestens zu viert, besser noch in grösseren Gruppen halten sollte. Manche Halter entscheiden sich für eine Kombination der beiden Haltungsformen: Aussen­haltung von Frühling bis Herbst, Innenhaltung im Winter.

Faustregeln für Gruppenhaltung und Platzbedarf:

Eine artgerechte Rudelhaltung besteht aus mindestens 3 – 4 Tieren mit folgenden Möglich­keiten:

– 1 Kastrat und 2 – 3 Weibchen unterschiedlichen Alters
– 4 Kastraten unterschiedlichen Alters (natürlich sind auch grössere Kastratengruppen mög­lich)

Die Kastraten sollten nie in der Überzahl sein; es ist darauf zu achten, dass mehr Weibchen als Männchen in einer Gruppe leben. Wenn man neue Tiere in ein bestehendes Rudel integ­riert, empfiehlt es sich, dass die neuen Tiere aus einer artgerechten Rudelhaltung stammen, weil sie somit auch ideal sozialisiert sind und sich gut in eine neue Gruppe einfügen.

Platzbedarf:
Mindestens 2 Quadratmeter auf einer Ebene für 3- 4 Tiere. Mehrstöckige Etagengehege sind ungeeignet, weil die plumpen, kurzbeinigen Meerschweinchen klar erkennbar Bodentiere sind und sich nicht fürs Klettern eignen.

Bei mehr Tieren kann mit einer Faustregel von mind. 0.5 m2 pro Tier gerechnet werden, für Kastratengruppen besser 0.8 bis 1 m2 pro Tier.

Bockgruppen sind abzulehnen, weil alte, übrig gebliebene Böcke aus einer Bockhaltung kaum noch einen neuen Platz finden und das Aggressionspotenzial bei Böcken deutlich höher liegt als bei Kastraten. Daher rede ich hier bewusst ausschliesslich von Kastratengruppen.

Eine ideale Einsteigergruppe weist eine familienähnliche Struktur auf, z.B. eine ältere Gene­ration, bestehend aus einem Weibchen und einem Kastraten, sowie 1 – 2 jungen Meer­schweinchen.

Es ist davon abzuraten, sich als Einstieg zwei junge, unerfahrene, 4-wöchige Schwein­chen zu kaufen, denn diesen fehlt die Erfahrung und Betreuung durch ältere Meer­schweinchen. Letzteres ist wichtig für das Sozialleben im Rudel und das Fressverhalten (kleine Meerschweinchen lernen von den älteren, was fressbar ist und was nicht).

Text und Fotos mit freundlicher Erlaubnis von Franziska Wehrli, www.nagerforum.ch